Bodil Maroni Jensen

Freie Improvisation mit Sofia Gubaidulina

Ein Ring schliesst sich, wenn der Akkordeonist Geir Draugsvoll mit Sofia Gubaidulina zusammen improvisiert, in einem Klangmaterial, wodurch sie sich in vielen ihrer Werke hat inspirieren lassen.

Text und Foto: Bodil Maroni Jensen
Übersetzung ins Deutsche: Mari Tvedt

-Das zu tun hätte ich mir nie vorgestellt, mit Sofia Gudaidulina zusammen

zu improvisieren, mit einer so grossen musikalichen Persönlichkeit, sagt Geir Draugsvoll einige Stunden vor dem Konzert in der St. Johannis-Kirche in Hamburg, wo er auch zwei ihrer Werke vorführen wird, Werke, die er früher schon unzählige Male gespielt hat.

-Nach der Anfrage musste ich es mir zunächst eine Weile überlegen, aber natürlich möchte ich das gern tun, denn in ihren Experimenten mit Klang kenne ich mich ja schon gut aus. Das ist es eben, was wir während unserer langen Zusammenarbeit sehr viel betrieben haben.

Ein gemeinsamer, kreativer Raum

Geir Draugsvoll hat auf seinem Akkordeon internationalen Erfolg gemacht, besonders wegen Sofia Gubaidulina, die für das Instrument bedeutende Werke geschrieben hat. Er fing mit acht Jahren an zu spielen und war Teil eines sehr aktiven Akkordeonmilieus in Voss in West-Norwegen. Er setzte bei Dem Königlichen Dänischen Musikkonservatorium in Kopenhagen fort, wo er eine Solistenausbildung antrat und seitdem dort geblieben ist, ab 1995 als Akkordeonlehrer und ab 2012 als Inhaber einer Professur. Neben einem umfassenden Konzerttätigkeit.

Sofia Gubaidulina und Geir Draugsvoll sind sich 1994 das erste Mal begegnet. Seitdem arbeiten sie gemeinsam mit der Aufführung der meisten ihrer Akkordeonwerke, insbesondere Fachwerk, das 2009 geschrieben und Herrn Draugsvoll gewidmet wurde. Fast fünfzig Male hat er Fachwerk aufgeführt, mit einer Reihe von leitenden Orchestern und Dirigenten in Europa, in den USA und in Kina. Bei den meisten Gelegenheiten war Sofia Gubaidulina auch da, um im Voraus das Werk mit Draugsvoll durchzunehmen.

Dim Laufe der letzten zehn Jahre entwickelte sie daher eine Aufführungspraxis, die Geir Draugsvoll neulich mittels Text und Video dokumentiert hat. Es geht um sein künstlerisches Entwicklungsprojekt am Musikkonservatorium Kopenhagen, Collaborative spaces – eine Zusammenarbeit, wo Komponistin und Ausübender kontinuierlich Ausdrucksnuancen, Dynamik, Pausen und Tempi überprüft haben, samt nach neuen Klangmöglichkeiten gesucht, je nach der Akustik eines Raums und nach der neuen Ansicht der Komponistin von den Einzelheiten im jeweiligen Werk.

-Sie ist ja unsere definitiv wichtigste Komponistin für das Instrument, stellt Draugsvoll fest.

Führende Gegenwartskomponistin

Sofia Gubaidulina ist seit langem eine der am meisten aufgeführten Gegenwartskomponist/innen, für das grössere Publikum dauerte es aber viele Jahre, bevor sie vor einem grösserem Publikum bekannt wurde.

Sie wurde 1931 in Tatarstan geboren, wuchs in der Hauptstadt Kazan auf, hadde erfolgreiche Studienjahre in Moskau, danach aber schwere Jahre als freiberufliche Komponistin. Den Richtlinien der Kulturbehörden weder konnte noch wollte sie folgen, wurde deswegen in der Sowjetunion kaum öffentlich aufgeführt.

1991 hat sie Moskau verlassen, wobei sie sich durch Hilfe von Freunden von neuem etablierte. Sie hat dann alle ihre Partituren verkauft, auch künftige, an die Paul-Sacher-Stiftung in Basel, was dazu führte, dass sie es sich leisten konnte, ein Haus nördlich von Haumburg zu kaufen. Schon 1981 wurde Gubaidulina Musikinteressierten im Westen vorgestellt, und zwar von Gidon Kremer. Das geschieh durch die Uraufführung des Violinkonzerts Offertorium. Jetzt hat ihre Karriere aber an Fahrt gewonnen, und sie bekam Aufträge von profilierten Orchestern, Ensembles und Solisten in der gesamten klassischen Musikwelt. Sie ist mit einer Reihe von Preisen und Auszeichnungen geehrt worden, vielleicht mehr als sonst jemand unter lebenden Komponisten. Eine Konstruktionskomponistin, würden viele sagen, auch sie selbst, wird aber schnell darauf hinweisen, dass Phantasie und Vorstellungsvermögen genau so wichtig sind. Was sie sucht, ist das Gleichgewicht, das Gleichgewicht zwischen Vernunft und Intuition, Intellekt und Unterbewusstsein. Dann kann es passieren, dass Funken sprühen, meint sie.

In der Johanniskirche ist sie in Verbindung mit dem Konzert zwei Tage anwesend. Sie bedauert, dass sie sich zunächst auf die Musik konzentrieren muss, dass sie mir aber gern ein Interview gibt, wenn sie das Alles hinter sich hat.

Astrea – eine geistliche Freistatt

Ab 1975 und sechs weitere Jahre trafen sich Sofia Gubaidulina und zwei Komponistenfreunde wöchentlich in einer privaten Moskauer Wohnung.

Sie suchten durch das Heraushören nach Tönen und Klängen von Instrumenten, die ihnen am liebsten unbekannt waren, wie zum Beispiel in Kaukasus und Zentral-Asien eingesammelten, fremdenartigen Volksmusikinstrumente, samt Spielzeuginstrumente. Die Musik war durch intuitive Erforschung von klanglichen Möglichkeiten hervorzubringen. Dies war das Improvsiationsensemble Astrea, von den sowjetischen Kulturbehörden verboten – wie sonst jede Improvisationsmusik – weil sie ihrem Wesen nach nicht vorhersagbar ist und deswegen im voraus nicht kontrolliert und genehmigt werden konnte.

Die feste Gruppierung hörte 1981 auf, seitdem ist Astrea nur wenige Male wieder neu entstanden. Das Konzert in der St. Johannis-Kirche ist deswegen ein seltenes Ereignis, das zur Ausfüllung der Kirchenbänke führt.

Erforschung von Klangbildern

Das erste Werk im Programm ist De Profundis, Sofias Gubaidulinas erstes Werk für Akkordeon, 1978 geschrieben, drei Jahre nachdem Astrea gegründet wurde. Schon hier hat sie viele der Klangmöglichkeiten gefunden, die sie später für das Instrument benutzt hat, erzählt Geir Draugsvoll.

-Astrea war für sie vielleicht wie ein Frühstart, einer Art Suche nach einem Ausdruck, den sie auch in ihrer Kompositionsmusik benutzen konnte. Das Ensemble hat ihr sicherlich mehr als bei den meisten anderen einen spielerischen Freiraum gegeben. Sie hat selbst versucht, innerhalb dieses Improvisationsvorgehens zu sitzen. Dieses Spielen, oder Suche, kommt in ihrer Musik in einer Art und Weise zum Ausdruck, die irgendwie superlogisch ist, genau wie bei den grossen Meistern von alten Tagen, sagt Geir Draugsvoll.

Geir Draugsvoll spielt De Profundis solo, und in Croche mit Kontrabass zusammen, und nimmt an zwei Improvisationen teil.

Wird dann heute Abend das Experimentieren auf deinem Instrument dein klangliches Arsenal der Improvisationen ausmachen, oder wirst du auch auf andere Möglichkeiten hinspielen?

-Wenn sie dabei ist, denkt man natürlich in Richtung der Tradition, die sie in den 70-er Jahren mit ihrem Ensemble da drüben etabliert hat. Ich nehme an, das ist es, wo wir landen werden. Zugleich gibt es in diesem Zusammenhang derart unterschiedliche Instrumente, so wir sollten nicht von der Möglichkeit absehen, dass einige Klänge auch auftauchen, die in dieser Welt gar nicht dazugehören.

Könnten wir es als einen geschlossenen Ring ansehen, wenn du jetzt teilnimmst und mit dem Quellenmaterial improvisierst, aus dem Sofia Gubaidulina in vielen ihrer Werke ausgegossen hat?

-Ja, dem würde ich tatsächlich zustimmen. Ich arbeite seit fünfundzwanzig Jahren mit ihr zusammen, genau über solche Themen; Klänge, neue Herausforderungen und Möglichkeiten zu suchen. Zugleich wird dieses Konzert etwas ganz Neues und Einzigartiges, hier und jetzt.

Die Art und Weise, wie sie zu neuen Klängen kommt, von Traditionen und Konventionen unabhängig, das ist, als ob es mit einer Freiheit zu tun habe.

-Die unterdrückten Sowjet-Komponisten hatten natürlich eine Freiheitssuche, wonach wir im Westen keineswegs auf gleiche Weise Bedarf hatten. Dort hat man damals ganz unterschiedlich von uns experimentiert, was vielleicht der Grund dafür ist, dass Gubaidulinas Musik so unwahrscheinlich viele Menschen anspricht. Eben eine Suche, aber jetzt sagst du Freiheit, es könnte auch etwas sein, was grösser ist als man selbst, etwas Geistliches. Ich glaube, das wird von den Leuten aufgefangen. Sie lassen sich vielleicht von dem anregen, was in der Musik im Jetzt entsteht. Mal sehen, ob wir es heute Abend schaffen.

Welcher Typ von Musizieren ist eine solche freie Improvisation, die ihr bei diesem Konzert machen werdet?

-Es versteht sich von selbst, dass es sehr intuitiv sein wird, dass man im Jetzt sucht. Normalerweise benutze ich ich diese Vorgangsweise nur selten. Ich denke etwa wie eine Pyramide, von unten aufbauen und sehr klar und deutlich sein, wie die Musik gestaltet werden soll. Trotzdem tue ich aber mein Bestes, um diese Aspekte oder diese Engel zu finden. Genau dieser Teil der Vorführung ist deswegen intuitiv. So intuitiv wie man es in einem Improvisationsensemble sein muss, bin in aber üblicherweise nicht. Also wird es eine Herausforderung für mich, ganz sicher. Ich werfe mich doch teils darauf, was Sofia macht und freue mich, auf der Welle zu surfen, die mir das Ensemble um mich herum gibt.

Was bedeutet die Zusammenarbeit mit Sofia Gubaidulina für dich?

-Für mich fühlt es sich wie eine lebenslange Inspiration an, die Möglichkeit zu haben, mit so einer Persönlichkeit wie Sofia zu arbeiten. Ich fühle mich sehr privilegiert, und darüber bin ich enorm glücklich.

Sofia Gubaildulina ist eine zutiefst religiöse Person, und für sie ist das Komponieren einer Art Gottesdienst. Bist du durch die Jahre von ihr beeinflusst, was deine Lebensanschauung oder Glaubensauffassung betrifft?

-Ich würde mich nicht als eine religiöse Person betrachten, so wie sie. Ihr Wesen und ihr musikalischer Ausdruck aber, ihre Art und Weise, in die Ecken hinaus zu suchen, das fasziniert mich. Und sogar in ihrer Position, mit einer aussergewöhnlichen erfolgreichen Laufbahn – wenn davon die Rede ist – dann ist sie immer noch sehr unterwürfig und dankbar. Daraus lerne ich jedes Mal etwas, wenn ich mit ihr zusammen bin.

 

Eine Auswahl der Improvisationsinstrumente des Posaunisten.

Astreas Regeln

Astrea besteht diesmal zusätzlich zu Sofia Gubaiudulina und Geir Draugsvoll aus einem Posaunisten, einem Komponisten und den Improvisationsmusikern Heinz-Erich Gödecke und Alexander Suslin, Sohn eines der urspünglichen Astrea-Musiker.

Man kann nicht mit jedermannn improvisieren, ich jedenfalls nicht. Es ist so persönlich. Man muss etwas Gegenseitiges fühlen, den Anderen zuhören, zusammenarbeiten, ohne im voraus geübt zu haben. Das ist eine grosse Freude, vor allem mit Sofia.

Alexander Suslin, Kontrabassist und Improvisationsmusiker

Alexander Suslin ist ein professioneller Kontrabassist, in Astrea gelten aber Sonderregeln.

-Wenn man studiert oder in professioneller Weise übt, gibt es gewisse Kriterien. Man muss keine falsche Töne spielen, in richtigem Tempo spielen, besondere Epochen kennen usw. Das ist auch gut. Was aber die Phantasie betrifft, ist es begrenzend. In Astrea gibt es keine Begrenzungen ausser der Tatsache, dass man das Instrument nicht als ein Professioneller spielen sollte. Und man sollte den anderen zuhören. Das sind die einzigen Regeln.

Alexander Suslin hat mit Sofia Gudaidulina und seinem Vater zusammen improvisiert, deswegen kennt er die Voraussetzungen und hat erfahren, was es geben könnte.

-Wenn jemand ganz weit im Dschungel lebt und zum ersten Mal ein Fahrrad sieht, wird er nicht wissen, was er damit anfangen kann. Vielleicht macht er etwas ganz anderes mit dem Fahrrad als das, was wir gedacht haben. Neue Perspektive können entstehen. Mit Instrumenten ist es ähnlich. Man sieht sie an und denkt: was kann ich tun. Dann entstehen völlig unerwartete Klänge. Und plötzlich entstehen Ideen, die ein Komponist benutzen kann. Es ist ganz einfach eine Ins       piration für einen Komponisten. Und for mich, als Musiker. Ich kann die Erfahrung mit diesen neuen Klänmgen an neue Werke übertragen, die ich einstudiere. Dies ist sowohl für den Komponisten als für den Musiker bereichernd. Eine grosse Bereicherung ist es.

Wenig abgekartetes Spiel

Weil Geir Draugsvoll keine grosse Erfarhung mit Improvisation hat, darf er sein eigenes Instrument benutzen. Der Posaunist darf es auch, dazu kommen unterschiedliche Sachen, womit sich Ton erzeugen lässt. Für Sofia Gubaidulina und Alexander Suslin gelten aber die alten Regeln: herausforschende Spielweisen nur auf den Instrumenten, die sie nicht beherrschen. Nichts anderes ist sonst abgesprochen als die Tatsache, dass es bei einem gewissen Klingeln zu Ende sein soll.

Sofia hat ihren Platz unter der Kanzel gefunden. Auf einem Tisch liegen eine Gitarre und eine Zither. Auf einem Stuhl daneben: Gläser, Schellen, Glocken und sonstiges geräuscharmes Schlagzeug.

Alexander sitzt von Instrumenten eingekreist, die er weder bei Namen nennen kann noch deren Spielweise kennt. Aber solange Saiten und ein Resonanzkörper vorliegen, gibt es viele Möglichkeiten. Dazu verfügt er über eine Auswahl von Bögen, Klöppeln und Schlegeln.

Geir raspelt entlang der Kantenlänge des zusammengefalteten Balges. Knatternde Rhytmen werden von den anderen in vielerlei Klangfarben aufgenommen. Wenn er mit den Nägeln auf dem Instrumentenkörper rappelt, verbreiten sich distinkte, kleine Töne wie ein Rascheln im Ensemble. Sofia schlägt mit einem Metallfingerhut auf den Gitarrsaiten, ungleichmässig und sprechend. Sie zieht Glas über die Saiten, und merkwürdige Gleittöne entstehen.

Lange noch klingt die Musik schwach und erprobend, zart und ergreifend. Es ist, als ob wir das Anhören der Musiker gewahr werden. Mit einer freien Hand nimmt Heinz-Erich ein Mundstück und bläst Luft ohner Töne. Geir zieht den Balg des Akkordeons hin und her mit einem hörbaren Säuseln. Heinz-Erich macht das Mundstückes der Posaune fest und erzeugt wie im Schwung Glissandotöne über uns. Geir zieht den Balg völlig heraus, und das Instrument stöhnt laut. Die Posaune brüstet sich, hat vielleicht schon einen Groll dem Akkordeon gegenüber – die beiden stärksten im Quartett. Der eine Klanghieb folgt dem Nächsten nach. Die Posauenslide bewegt sich bedenklich nahe an dem Akkordeon, das hitzige Clusterklänge zurückschleudert. Geir erhebt sich mit dem mächtigen Brüllen auf seinem Bauch. Das Spiel macht stark. Eine Posaune zu besiegen macht Spass. Aber nicht zu viel, nicht zu lange. Dies ist Musik, keine Schlägerei. Musiker mit Verantwortung für einen Verlauf. Es besteht beim Zusammenspielen Respekt.

Ein zärtlicher Vorstoss von Sofia, und alle dämpfen sich, horchen. Feine ‘Kling’-Töne bekommen einen Hintergrund aus knisterndem Kunststoff und Aluminium, das zerknüllt wird. Poesie. So einfach. Alltäglich.

Das Publikum ist während der ganzen zwanzig Minuten langen Séance intensiv mit dabei. Hätten wir eine Stecknadel fallen hören können, hätte das Ensemble bestimmt auch diesen Laut weiterverfolgt.

Der Beifall ist lang und warm. Während der Pause scharen sich Leute zwischen die Instrumente zusammen. Keiner berührt sie, viele haben jedoch Lust. Mit anderen Worten, eine ganz besondere Art zu kommunisieren.

Heinz-Erich Gödecke, Sofia Gubaidulina, Alexander Suslin und Geir Draugsvoll nehmen am 14. März 2019 in der St. Johannis-Kirche Beifall entgegen

– Sobald uns unsere Komponisten-Egos in unterschiedliche Richtungen führten, hast du das Ergebnis gehört: die Musik fiel auseinander, und es wurde klar, dass das Material organisch, nicht mechanisch ist. Es ist so einfach, einen Organismus zu töten. Nur einige wenige egoistische Impulse, einige wenige unüberlegte Bewegungen, und das Ganze ist vorüber. Der Organismus ist tot.

                       Ehemaliger Astrea-Musiker, Viktor Suslin (1942-2012)
Aus Michael Kurtz’ Biographie über Sofia Gubaidulina

Geistliche Untergrundskunst

Sofia Gubaidulina empfängt bei sich zu Hause, am Tag nach dem Konzert. Sie öffnet die Tür mit einer eleganten Geste und einer anmutigen, schelmischen Miene. Keiner kann es ihr ansehen, dass sie zwei anstrengende Tage hinter sich hat. Sie holt gleich ein Paar Hausschuhe hervor, denn so etwas brauche ich, meint sie. Ich tue was ich kann, um in dieses Paar zu schlüpfen, aber nein. Dann verschwindet sie resolut und kommt mit einem Paar Schlappen zurück. Ein kurzes Aufleuchten von Stolz und Humor. Da hat sie wahrlich auch das geschafft.

Sie lässt mich vor ihr weitergehen. Langsam treten wir in ein überraschend normales Wohnzimmer hinein, trotzdem aber eine heilige Halle für eine wie mich, die diese Komoponistin sehr hoch schätzt. Das Licht kommt aus zwei bis zum Boden reichenden Fenstern im anderen Teil des Zimmers. Unterwegs gehen wir an einem Ecksofa vorbei, wo Partituren, Bücher, Zeitungen und Post in Stapeln die Sitze belegen. Auf dem Esstisch liegen Instrumente, die ich von gestern Abend wiedererkenne. Zwei Stühle sind zugänglich. Sie stehen in der Ecke, mit Ausblick auf einen Rasen, der von einer hohen, dichten Hecke umgeben ist – ein geschlossener Gartenraum, der in grünen Farben im Regen glänzt. Durch ein offenes Fenster hört man intensives Vogelgezwitscher. Sofia Gubaidulina suchte die Stille, als sie die Sowjetununion verliess, im Jahr, als sie sechzig wurde.

-Damals, während der Sowjetzeit, versammelten wir uns, drei Komponisten; Viktor Suslin, Vjatsjeslav Artjomov und ich. Alle drei auch als Pianisten ausgebildet. Wir sassen auf dem Boden auf einem Teppich, umgeben von Instrumenten, und wir wählten unterschiedliche Möglichkeiten mit Hilfe der Klänge, um irgendwie imaginäre Räume zu schaffen. Es war, als ob die Instrumente mit einander sprächen, die Menschen nicht. Ein abenteuerliches, fast viertes Bewusstsein entwickelte sich.

Die Stühle, auf denen wir sitzen, stehen eininander gegenüber. Ich frage mich, inwiefern ich es vermag, im Laufe des langen Interviews den Arm mit meinem Aufnahmegerät erhoben zu halten. Kein Grund zur Sorge wäre aber nötig gewesen. Sofia Gubaidulina sitzt das ganze Interview hindurch nach vorn gelehnt. Ich kann meinen Ellbogen auf das Knie stützen. Und während sie erzählt, richtet sich ihr Blick fast andauernd auf mich.

-Damals war die Improvisation ein Protestakt, aktiv gegen den Totalitarismus gerichtet. Egal wo, im Keller oder auf dem Dachboden, entstand so eine unoffizielle. geistliche Tätigkeit. Es wurde auch in der Poesie, Literatur und Malerei improvisiert. Nicht perfekt und glatt geformte Kunst, aber für die ganze Intelligenzia der Gesellschaft sehr wichtig. Ein wichtiges Phänomen in der Musik- und Kunstgeschichte. Es gab auch organisierte Kunst, mit viel Geld vom Staat unterstützt, das war aber das offizielle Geistesleben und hat uns nicht gepasst. Das wichtige Wort war für uns Freiheit. Freiheit. In der Improvisation konnten plötzlich musikalische Darbietungen als etwas ganz frei Erschaffenes da stehen.

Was für eine Reaktion konnten Sie von den Behörden riskieren, als Sie mit Improvisation auftraten?

Sofia sieht unverstehend aus. Sie zeigt ein seltenes Lächeln vor.

-Daran dachte ich nie. Ich musste mich frei fühlen, und die Improvisation war etwas ganz Privates, ohne Publikum, ohne Kritiker. Einige wenige Male improvisierten wir auf einer Bühne, sie war aber nicht öffentlich. Die Behörden nahmen daran nicht teil. Sie konnten nur durch eine kleine Spalte gucken, aber nichts tun.

Sie legt ihre Hände vor das Gesicht und macht eine winzige Spalte.

-Improvisation war Kellerkunst, Dachbodenkunst, ganz frei von den Behörden. Den Behörden schenkten wir keinen Gedanken.

Es war gestern anders?

-Etwas ganz anderes. Gestern war alles gestattet und günstig zurechtgelegt. Damals konnten wir Musiker nicht extravertiert und sichtbar so wie gestern sein, oder so wie die Ausführenden der offiziellen Kunst damals. Unser Musizieren existierte nur aus den tiefsten Ursachen. Das Verhältnis zwischen Vernunft, Intellekt und dem menschlichen Unterbewusstsein war die Voraussetzung dafür, dass unsere protestenähnliche, geistliche Tätigkeit stattfinden konnte.

Aus der Probe in der St. Johannis-Kirche

Religiöse Lebensphilosophie

Dieser letzte Satz wird der erste in einem längeren Bericht von Gubaidulinas Kunst- und Lebensausschauung. Allmählich wird klar, dass sie meint, dass die Unterdrückung von Spontanität, Vitalität, Unterbewusstsein und Freiheit dazu beitrug, das Gleichgewicht zu verrücken, das sie in der Kunst wie auch im Leben sucht. Ein fehlendes Gleichgewicht, worunter wir auch heute leiden, meint sie.

-In unserem modernen Leben wird ein fehlendes Gleichmass zwischen Vernunft, Intellekt und Unterbewisstsein immer stärker. Dieser Umstand hätte normalerweise balancieren sollen. Aus der Friktion, die entsteht, wenn sich der Intellekt und die Intuition an einander reiben – in übertragener Bedeutung – könnte ein Feuer angezündet werden, ein geistliches Feuer, gelegentlich vom heiligen Geist.

Sofia Gubalidulina unterstreicht, dass ihre Philosophie in vieler Hinsicht eine Allegorie sei. Sie stellt sich zwei Dimensionen des Daseins vor: Die horizontale, wo die Leute in der erdischen Zeitdimension leben – und die vertikale, die auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch zeigt. Diese Dimensionen kämpfen einander entgegen und sind selten im richtigen Gleichgewicht.

-Die eine Dimension sagt, dass es absolut notwendig ist, heute und morgen, zu leben, essen, arbeiten, Geld verdienen, sich um die Kinder kümmern, für alles sorgen. Und jeden Tag gibt es etwas, was sich ändert. Das ist wahr. Während die vertikale ewig unveränderlich bleibt. Das ist auch wahr.

Das Problem ist, dass die Menschen diese vertikale Dimension immer weniger erkennen, meint Gubaidulina. Das Geistliche verliert gegenüber der alltäglichen Erfordernisse und der vielen Herausforderungen unserer Erdkugel.

-Der Einsatz, der in die horizontale Dimension eingelegt wird, wird als so notwendig von unserer heutigen Welt aufgefasst, dass alle Kräfte hier eingehen.

Die Kunst ist gefährdet

In der Musik sieht sie die beiden Dimensionen in der Beziehung zwischen Komposition oder Konstruktion und Tätigkeit im Unterbewusstsein, d.h. Intuition, reflektiert.

-Nicht nur damals in der Sowjetunion konnten wir es ahnen, dass die Kunst stark gefährdet war. Auf der ganzen Welt spüren wir es jetzt, wenn wir immer mehr die Dimension verlieren, bei der es um das Geistliche geht. Die Kunstmusik kann nicht ohne diese Beziehung zwischen Konstruktion und Intuition leben. Sie lebt nur in diesem Spannungsfeld, wo man nicht immer, nein, sehr selten, Feuer anzünden kann. Das passiert, wenn Intuition und Vernunft im Ausgleich zusammenwirken. Plötzlich, im richtigen Moment, kommt das Feuer. Die Tendenz ist aber, dass die vertikale immer mehr verschwindet … und allmählich verschwunden ist.

Sind Sie im Namen der Kunst, der Menschen pessimistisch?

-Alle meine Betrachtungen sind eigentlich pessimistisch. Viele Zivilisationen haben existiert, und unsere wird aufhören. Ich möchte aber nicht so denken. Weil ich ein schöpferischer Mensch bin, möchte ich komponieren, tätig sein, versuchen, Feuer anzuzünden. Versuchen. Es wird mir nicht immer gelingen. Und vielleicht ist es mir nie gelungen und wird vielleicht nie gelingen. Ich versuche aber immer wieder.

Sie reibt sich die Hände gegen einander. Wisch, wisch.

-Ich will nicht pessimistisch sein.

 Improvisation und Komposition

Wir trinken Tee, und ich nehme letztendlich ein Stückchen vom Apfelkuchen, den sie mir serviert. Vergessen hat sie, dass sie selbst schon ein Stück auf ihrem Teller hat. Sie holt den Bogen mit meinen Fragen, den ich ihr vorher zugeschickt hatte, untersucht ihn, um sich zu vergewissern, dass wir durch alles durch sind. Nein, dieses nicht; In welcher Weise hat die Erfahrung mit Astrea Ihre musikalische Sprache beeinflusst?

Sie legt den Bogen in ihren Schoss und überlegt lange.

-Es ist schwer zu sagen. Ich habe die ganze Zeit auf konventionelle Art und Weise weiter komponiert. Ich glaube aber, dass vielerlei Wirkungen von der Improvisation Einfluss hat, ohne dass ich selbst davon etwas gemerkt habe. Ab und zu habe ich versucht, in meine Werke improvisatorische Abschnitte einzuflechten. Es erweist sich für konventionelle Musiker sehr schwierig, den Übergang von notierter Musik bis zur Improvisation zu beherrschen. Die Ausübenden tun ihr Bestes, gewissenhaft und mit Hingabe, aber der Übergang zur Freiheit ist schwierig, denn irgendwie sind sie von den Noten eingezwängt. Der Übergang zwischen Zwang und Freiheit ist so schwer. Ich habe in einigen Fällen versucht, diese beiden Positionen zu verbinden. Vorläufig ist es mir aber nicht gelungen.

Astrea, ein Klanglabor, ein Ort der Erforschung und Experimentierung, um neue Klänge zu finden. War es so? Ich ahne es, Sofia Gubaidulina möchte es anders ausdrücken.

-Forschung? Erforschung? Nein, das liegt nicht in meinem Wesen. Aber Erfahrung. Wie suchten mittels unserer Erfahrung. Und nicht, um neue Klänge zu finden. Das ist eher eine oberflächliche Seite der Sache. Für uns ging es darum, seelische Kräfte hervorzurufen. Wir wollten probieren, die Intuition zu aktivisieren. Astrea war eine intuitive Tätigkeit.

Gestern haben Sie zum ersten Mal mit Geir Draugsvoll improvisiert. Sofia ergreift gleich das Wort, ohne auf eine Frage zu warten.

-Geir ist ein grossartiges Talent, ein Naturtalent. Ich schätze ihn sehr hoch. Unsere Zusammenarbeit besteht seit langer Zeit, und ich habe eins meiner Werke ihm speziell gewidmet, Fachwerk. Er spielt es genial, ohne Übertreibung. Er ist eine grosse Bereicherung für die Kunstmusik. Vielleicht gibt es in der Zukunft einmal irgendeine Möglichkeit, ein neues Werk für ihn zu schaffen, in dem er auch improvisieren könnte. Es eröffnen sich so viele Möglichkeiten in Zusammenarbiet mit solchen schöpfenden Menschen. Ich bin am Ende meines Wegs und kann nicht sehr viel mehr schaffen, dennoch gibt es in Zusammenarbeit mit solchen Musikern Möglichkeiten, immer wieder weiterzumachen, wieder schöpferisch sein.

Sofia Gubaidulina am Flügel, den ihr Mstislav Rostropovistj geschenkt hat

Bodil Maroni Jensen hat die letzten Jahre der Laufbahn von Sofia Gubaidulina aus nächster Nähe gefolgt und eine Beraterrolle in Geir Draugsvolls Project Collaborative Spaces gehabt.

Der Artikel wurde am 14. Mai 2019 in der norwegischen Musikzeitschrift Ballade schon veröffentlicht

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