Bodil Maroni Jensen

Internationale Schostakowitsch Tage 2017

Das einzig jährlich stattfindende Festival für Dmitri Schostakowitsch, den grossen Komponisten der Sowjetzeit, wird im Laufe eines Wochenendes spät im Juni im kleinen Kurort Gohrisch in Deutschland veranstaltet.

Text: Bodil Maroni Jensen   Übersetzung ins Deutsche: Mari Tvedt
Foto: Bodil Maroni Jensen, wenn nichts anders angegeben

Von Dresden braucht die S-Bahn 50 Minuten bis Bad Schandau an der Elbe. Von hier aus werde ich von einem der vielen Freiwilligen des Festivals abgeholt, es geht auf kurvigen Strassen aufwärts, durch einen Tunnel aus Wald, – genau weit genug, um erzählt zu werden, dass die Gemeinde an der tschechischen Grenze liegt, und dass der Kurort Gohrisch seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein Erholungsort ist – dank der Luft und der Natur hier in der Sächsischen Schweiz.

Plötzlich tauchen an beiden Seiten der Strasse Häuser auf, und wir fahren weiter aufwärts auf einer Nebenstrasse, passieren gut erhaltene Gebäude mit Zimmern für Wanderer und Radfahrer zu vermieten, und sind an einer ehemaligen DDR-Scheune angelangt, die in den 1960-Jahren errichtet wurde und immer noch im Gebrauch ist. Einmal im Jahr wird sie aber freigemacht, um Platz für 550 Kunststoffstühle und ein erbautes Podium zu schaffen. Von der einfachen Wand aus – hinter der Bühne – beobachtet durch dicke Brillengläser der wachsame Blick von Schostakowitsch den Saal.

Tobias Niederschlag, Konzertdramaturg der Staatskapelle
Dresden und künstlerischer Leiter der Internationale
Schostakowitsch Tage Gohrisch

– Die Initiative zum Festival wurde von der Staatskapelle Dresden genommen. Wir wussten, dass Schostakowitsch in Gohrisch gewesen war, und sind dorthin gefahren, um zu sehen, wo er gelebt hat, nämlich im Gästehaus des DDR-Ministeriums gleich um die Ecke. Dort hat er im Jahr 1960 sein achtes Streichquartett geschrieben. Wir möchten ihm dadurch die Ehre zeigen, hier seine Musik vorzuführen und bestrebten uns danach, im Jahr 2010 ein Festival zu eröffnen – 50 Jahre später. Das diesjährige Festival ist also unser achtes Festival, erzählt Tobias Niederschlag, Konzertdramaturg des Orchesters und künstlerischer Leiter der Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch.

Selbstbiografisches Werk

Die Absicht des Deutschlandsbesuches von Schostakowitsch 1960 war, Dresden zu besuchen. Er abeitete an Musik zu einem Film, der von den Zerstörungen durch die Bombardierung der Alliierten 1945 handelte. Die Eindrücke, die er nach Gohrisch, wo er arbeiten sollte, mitgenommen hatte, führte dazu, dass er lieber ein Quartett schrieb – wie es in einem Brief an einen Freund hervorgeht, «in Erinnerung an mich selbst». Er hatte sich vor kurzem um Mitgliedschaft der Kommunistischen Partei beantragt, ob freiwillig oder unter Druck ist immer noch eine offene Frage. Er befand sich in einer verzweifelten Lage und deutete an, das Quartett würde sein letztes Werk sein können. Schostakowitsh bekam aber noch fünfzehn produktive Jahre. Er starb 1975.

Uraufführung von Schostakowitsch

– Die Kammermusik von Schostakowitsch reicht nicht für ein jährliches Festival aus, er ist aber immer im Programm eine zentrale Figur. Zusätzlich wählen wir jedes Jahr Komponisten aus, die entweder für ihn wichtig waren oder von ihm beeinflusst waren oder sind, sagt Niederschlag.

Dieses Jahr wurde das Programm zwischen Mieczyslaw Weinberg (1919-96), Sofia Gubaidulina (1931-) und der Hauptperson selbst geteilt. Die grösste Erwartung war an ein neues Werk von Schostakowitsch geknüpft.

Der Komponist war 23 Jahre alt, als seine erste Oper, Die Nase, in seiner Heimatstadt Leningrad zur Aufführung kam. Sie war als Beitrag zur Erneuerung der sowjetischen Oper promotiert worden, mit der Hoffnung, die grossen Massen erreichen zu können. In dem Sinne war sie ein Fiasko. Es vergingen noch 34 Jahre, ehe sie in der Sowjetunion wieder aufgeführt wurde. Als Gennady Rozhdestvensky 1974 in Moskau eine Aufführung leitete, wurde die Oper ein Erfolg. Die Nase ist später vielmals aufgeführt worden, im Westen schon seit den 1960er Jahren.

Vor kurzem wurden «drei Fragmente» mit Instrumentalmusik aus der Oper gefunden. – Sie sind völlig instrumentiert, sagt Thomas Sanderling, der bei der Uraufführung Musiker aus der Staatskapelle Dresden dirigiert hat. Er wusste aber auch nicht, warum diese Noten in einem Archiv liegen geblieben sind.

Thomas Sanderling leitet Musiker der Staatskapelle Dresden in «Drei Fragmente» von Schostakowitsch.
Foto: Mattias Claudi/Staatskapelle Dresden

Unbehagen und Unvorhersehbares

Die Oper basiert auf Gogols Novelle Die Nase, einer satirischen Erzählung aus der Zarenzeit, wo der selbstgefällige Kollegienassessor Kowaljow eines Tages beim Erwachen feststellt, dass ihm die Nase fehlt. Als er später seine Nase auf der Strasse herumspankulierend antrifft, in der Uniform eines Staatsrates, gab es viele Möglichkeiten, darin eine politische Neckerei zu sehen. Faszinierend war es dann, die Tonsprache und die Form dieser Musik, als ausreichend musikdramatisch zu erleben. Das erste Fragment ist aus der Szene in der Kirche, in die die Nase zum Beten eintritt. Orgel und mächtige Musik wird bald kabarettenhaft heiter, sie wirbelt umher in einer immer schnelleren Wildheit, aber mit ständigen Abbrechungen durch etwas Düsteres, Stillstehendes. Im nächsten Stück werden schreiende Blechbläserdissonanzen von jovialer, taktfester und gemütlicher Musik im ganzen Orchester überfahren, bevor die Blechbläser es wieder vermögen, durchzubrechen. Das dritte ist ein ausscherendes, elegantes Charakterstück, der Vertrag mit dem Zuhörer ist aber etabliert. Es kann nicht so dauern. Das Unvorsehbare liegt stets darunter.

Dass wir im Laufe von zwei Konzerten sämtliche Präludien und Fugen Op. 87 von Schostakowitsch zu hören bekamen, war ein seltenes Erlebnis und eine Vorführung von Phantasie, Technik und heiklen Lösungen, sowohl von der Seite des Komponisten als des Pianisten Alexander Melnikovs. Mit dem Klavierkonzert Nr. 1 in der Kammerfassung mit Viktoria Postnikova als Solistin, erlebten wir auch Schostakowitsch von seiner am meisten umgänglichen Seite; sprudelnd, erfinderisch und schelmisch.

Neue Musik des 20. Jahrhunderts

Mieczyslaw Weinberg war ein polnischer Komponist, der Schostakowitsch behilflich war, ein besseres Leben in Moskau führen zu können, nachdem Weinberg von Warschau hatte flüchten müssen und in Taschkent in Usbekistan gelandet war. Schostakowitsch sah in Weinberg einen der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit.

Sechs Werke von Weinberg, für wechselnde Besatzung von Klavier und Streichern, haben sich als erzählende und einfühlsame Musik erwiesen, mit grossem Durchsetzungsvermögen. Seine Kammersymphonie für Streichorchester und Pauken hat das Festival abgeschlossen, die eine spürbare Stille hinter sich liess. Musik gibt auch Anlass zum Nachdenken; Schicksal, Ausdrucksbedarf, Durchhaltevermoögen und historische Umstände.

Es ist nicht die Rede von einer ‘Revival’. Weinberg ist für uns neu, sagt Tobias Niederschlag.

Auch hier von Schostakowitsch weitergeholfen.

Der Schostakowitsch-Preis

Sofia Gudaidulina, Capell-Compositrice der Staatskapelle
Dresden und eine Hauptfigur während den
Schostakotwitsch Tage in Gohrisch

Die 85-jährige russisch-tatarische Komponistin Sofia Gubaidulina hat schon längst eine internationale Stellung, nachdem sie 1991 die Sowjetunion verlassen und sich in Deutschland niedergelassen hat. Zwei Saisons war sie Capell-Compositrice der Staatskapelle Dresden, und während der diesjährigen Schostakowitsch Tage wurde sie mit dem Schostakowitsch-Preis ausgezeichnet – den auch vor ihr Gennadi Roschdestwenski, Kurt Sanderling und Gidon Kremer zuteil geworden war. Für Gubaidulina – die unter Komponisten, zusätzlich zu Bach und Webern, immer Schostakowitsch am höchsten wertschätzt – war die Preis-Zuerkennung wie ein geschlossener Ring in ihrer Tätigkeit als Komponistin. Das Treffen mit Schostakowitsch als Studentin 1959 sei für sie entscheidend gewesen, erzählt sie.

– Ich war keine Studentin von Schostakowitsch. Zu der Zeit, da ich am Konservatorium studierte, war er schon von seiner Stellung entfernt worden. Er munternte mich aber auf, unterstützte mich und gab mir diese phantastischen Worte: Seien Sie sich selbst, und schreiten Sie weiter mit Ihren falschen Wegen. Diese Worte und auf diesen Punkt konnte man sich weiter halten. Es war so toll für mich, dieses Zusammentreffen mit Schostakowitsch. Ich verehre ihn.

Theater-Ritual

Unter den vier Werken von Sofia Gubaidulina im Festival-Programm waren drei musiktheatralischer Art. Das musikalische Gespräch zwischen Raschér Saxophone Quartet und den sechs Schlagzeugern des Slagwerk Den Haag hat gezeigt, dass Blasinstrumente und Schlaginstrumente einander nachahmen können, sowohl sich im Klang des anderen verstecken, einander kontrastieren und eine Konkurrenz machen können. Das Stück heisst Erwartung, es geht aber genau so viel um die Begegnung, sagt Gubaidulina.

Noch mehr Theater gab es in Verwandlung, anfangs für Saxophonquartett, Cello, Kontrabass und eine regungslos sitzende Person auf der Bühne. Nachdem sich die Saxophone mit grosser Souveränität etabliert haben, geht die Scheunentür auf und eröffnet sich des flutenden Nachmittagslichts, auch eines Posaunisten, der in rotem Trikotenanzug, Hut und Clownsnase auftritt. Er setzt gleich enen klanglichen Angriff gegen die Zusammenspielenden auf der Bühne an, bricht ab, wendet sich an das Publikum, bittet um Unterstützung, kämpft weiter, bricht in hohles Lachen aus. Dieser Gauklertypus ist eine russische Figur, heisst es im Programm; einer, der sich zwischen Theater, Unterhaltung und dem Geistlichen bewegt, und der es vermag, alles in Zusammenhang zu bringen. Nach 25 Minuten erhebt sich der Regungslose, geht langsam über die Bühne, greift nach einem Klöppel, hebt den Arm und schlägt seinen einzigen Schlag auf den Gong. Im Nachklang segelt eine Fledermaus über die Bühne. Das Stück erweckte die grösste Begeisterung, eine Einladung zu einem Ritual, bei dem man sich verwundern lassen könnte, bzw dem man den selbst gewünschten Sinn geben könnte. Der Gauklerposaunist war Frederic Belli – mit der unheimlichsten Stimme und dem kaum vorstellbar wunderschönen Instrumentenklang.

Ein einfaches Gebet

Aber, das für Gubaidulina am aktuellsten Stück haben wir in der Erstaufführung von Einfaches Gebet erlebt. Hier verwendet sie denselben Text wie im Oratorium Über Liebe und Hass, das im vorigen Herbst uraufgeführt wurde, und das auch am 2. August 2017 im norwegischen Dom zu Trondheim, Nidarosdomen, aufgeführt wurde. In Gohrisch haben wir die Kammerfassung miterlebt – mit zwei Celli, Kontrabass und Schlagzeug, wobei der eine Cellist den religiösen Text rezitiert, in einer für das Publikum zu verstehender Sprache. Die Coda des Werkes ist das Friedensgebet von Franz von Assisi.

Für einige wurde es zu viel des Gottesdienstes, für andere dagegen der Höhepunkt des Festivals; ein einfaches Gebet in einer einfachen Scheune. Sofia Gubaidulina geht immer noch ihre eigenen Wege.

– Es gibt in diesem Raum so viel Konzentration, und so eine Offenheit neuer Musik gegenüber, und es geht nicht nur um Schostakowitsch, sagt Tobias Niederschlag, der nächstes Jahr ganz bestimmt den estnischen Komponisten Arvo Pärt – den Capell-Compositeur der nächsten Saison – in die Scheune einladen wird.

In der Zeitschrift KlassiskMusikk am 11.07.2011 veröffentlicht.

 

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